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ToggleDeutsch-Südwestafrika 1906 – Dokumente der Kaiserlichen Schutztruppe: Swakopmund und Windhuk
Auch mehr als 100 Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit tauchen immer wieder originale Dokumente auf, die einen unmittelbaren Einblick in den militärischen Alltag der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika ermöglichen. Die hier vorgestellten Unterlagen stammen aus dem Jahr 1906 und wurden im Zuge einer Wohnungsauflösung zufällig in einem größeren Bestand von Altpapier entdeckt. Ihre historische Bedeutung wurde erst bei genauerer Durchsicht erkannt.
Bei den erhaltenen Schriftstücken handelt es sich um einen Militärpass, ein Führungszeugnis sowie ergänzende Personalunterlagen. Sie dokumentieren den aktiven Dienst eines Angehörigen der Kaiserlichen Schutztruppe, der nachweislich von Februar 1906 bis November 1906 in Deutsch-Südwestafrika eingesetzt war. Das Führungszeugnis wurde am 30. November 1906 in Swakopmund ausgestellt und bestätigt das Ende des aktiven Dienstes.
Der Militärpass weist zunächst die Einteilung in das kämpfende Zusatz-Bataillon Z 6 aus. Dabei handelte es sich um einen provisorisch gebildeten Verband, wie er für die kolonialen Kriegseinsätze dieser Phase typisch war. Im weiteren Verlauf erfolgte die Versetzung in die 1. Kolonne der I. Kolonnen-Abteilung, eine zeitlich begrenzte Einsatzformation, die für konkrete Märsche und militärische Aufgaben zusammengestellt wurde.
Als Aufenthalts- und Einsatzorte sind Lüderitzbucht, Swakopmund und Windhuk vermerkt. Diese Orte bildeten zentrale Knotenpunkte der kolonialen Militär- und Verwaltungsstruktur und waren für Versorgung, Truppenbewegungen und Organisation von besonderer Bedeutung. Für seinen Dienst erhielt der Soldat die Denkmünze für Südwestafrika in Bronze, die an Angehörige der Schutztruppe verliehen wurde, die an den Einsätzen in der Kolonie beteiligt waren.
Der Militärpass enthält darüber hinaus weitere Eintragungen zum späteren militärischen Werdegang, darunter Verwendungen im Ersten Weltkrieg sowie Dienstzeiten in Freikorpsverbänden der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese Abschnitte gehen über den hier behandelten Zeitraum hinaus und werden an dieser Stelle nicht weiter vertieft.
Auszeichnungen, Gefechtsspangen und beteiligte Truppen
Für die Einsätze der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika wurde die Denkmünze für Südwestafrika gestiftet. Sie war keine Ehrenauszeichnung im engeren Sinn, sondern eine Einsatz- und Teilnahmemedaille, die an alle nachweislich eingesetzten Angehörigen der Schutztruppe verliehen wurde, unabhängig von Rang oder Funktion.
Dabei wurde zwischen Kämpfern und Nichtkämpfern unterschieden. Als Kämpfer galten Soldaten, die unmittelbar an Gefechten oder bewaffneten Unternehmungen beteiligt waren. Nichtkämpfer standen zwar im Einsatzgebiet im Dienst, nahmen jedoch nicht direkt an Kampfhandlungen teil, etwa in Verwaltung, Versorgung oder Sanitätswesen.
Diese Unterscheidung spiegelte sich nicht in unterschiedlichen Medaillen, sondern in den Gefechtsspangen, die auf dem Band der Denkmünze getragen werden konnten. Für Deutsch-Südwestafrika sind unter anderem folgende, historisch belegte Spangenbezeichnungen bekannt:
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Hereroland
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Namaland
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Groß-Namaland
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Kalahari
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Waterberg
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Omaruru
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Swakopmund
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Lüderitzbucht
Die Vergabe dieser Spangen war an die tatsächliche Teilnahme an den jeweiligen Einsätzen gebunden und wurde administrativ dokumentiert. Mehrere Spangen konnten kombiniert getragen werden, sofern der Betreffende in unterschiedlichen Einsatzräumen eingesetzt war.
Die Schutztruppe bestand in Afrika zudem nicht ausschließlich aus deutschen Soldaten. Ein wesentlicher Teil der Truppen setzte sich aus einheimischen Soldaten im deutschen Dienst zusammen, darunter Askari sowie weitere Hilfskräfte. Diese Männer nahmen aktiv an Kampfhandlungen teil und waren integraler Bestandteil der militärischen Operationen. Auch sie konnten Auszeichnungen erhalten, wenngleich deren Dokumentation häufig lückenhafter ist.
Historischer Kontext
Deutschland war nur vergleichsweise kurz kolonial aktiv. Die deutsche Kolonialzeit begann faktisch ab 1884 und endete 1915/1919 mit dem Verlust aller Kolonien infolge des Ersten Weltkriegs. Im Vergleich zu Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal oder den Niederlanden stieg Deutschland spät in den kolonialen Wettbewerb ein und verlor seine Besitzungen früh wieder.
Deutsche Kolonialherrschaft bestand in Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo, kleineren Besitzungen im Pazifik sowie dem Pachtgebiet Kiautschou in China. In ihrer Ausgestaltung unterschied sich die deutsche Kolonialpraxis nicht grundsätzlich von der anderer europäischer Mächte. Militärische Gewalt, wirtschaftliche Intressen, Missionierung und autoritäre Verwaltung gehörten zum kolonialen Alltag und hatten langfristige Folgen für die betroffene Bevölkerung.
Der entscheidende Unterschied liegt im Zeitrahmen. Während andere Kolonialmächte über Jahrhunderte präsent waren und politische, wirtschaftliche und religiöse Strukturen dauerhaft etablierten, blieb die deutsche Kolonialphase zeitlich begrenzt. Viele bis heute wirksame koloniale Strukturen gehen daher nicht primär auf Deutschland, sondern auf jene Mächte zurück, die über Generationen hinweg Einfluss ausübten.
Gleichzeitig bedeutet die kurze Dauer nicht, dass deutsche Einflüsse folgenlos geblieben wären. Auch innerhalb weniger Jahrzehnte wurden Verwaltungsstrukturen geschaffen, gesellschaftliche Ordnungen verändert und wirtschaftliche Abhängigkeiten begründet, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind.
Hinweis zur Quellenlage
Handschriftliche Einträge in historischen Militärdokumenten sind nicht immer eindeutig zu lesen. Abkürzungen, zeittypische Schreibweisen, individuelle Handschriften und der Erhaltungszustand der Unterlagen können zu Lesefehlern oder abweichenden Interpretationen führen. Die hier vorgenommene Einordnung basiert auf dem bestmöglichen Abgleich der vorhandenen Dokumente und dem historischen Kontext.
Quellen
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Originaldokumente aus dem Besitz von Thomas Huss, german-historica
(Militärpass, Führungszeugnis und ergänzende Personalunterlagen) -
„Uniformen der Marine und Schutztruppen“,
Anhang zur Bildersammlung Uniformen der alten Armee,
herausgegeben von der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria GmbH, München
(zeitgenössische Bild- und Vergleichsquelle) -
Wikipedia
(zur allgemeinen historischen Einordnung von Schutztruppe, Kolonialgeschichte und Auszeichnungen)
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