Leo Leonhardy – der „Eiserne Kommandeur“
Wenn von deutschen Fliegern des Ersten Weltkriegs die Rede ist, fallen meist die bekannten Namen der Jagdflieger. Leo Leonhardy gehört nicht zu ihnen. Er stand nicht für den Luftkampf, der später verklärt wurde, sondern für einen anderen Teil der frühen Militärluftfahrt: für die Kampfflieger, für Führung, für Organisation und für einen ungewöhnlich harten persönlichen Weg.
Sein Leben war von einem schweren Absturz, langen Monaten der Heilung, der Rückkehr in den Dienst und später von hoher Verantwortung innerhalb der deutschen Bombengeschwader geprägt.
Herkunft und frühe Jahre
Leo Leonhardy wurde am 13. November 1880 in Rastenburg in Ostpreußen geboren. Als Vater wird Otto Leonhardy, Sägewerksbesitzer, genannt. In den Unterlagen erscheinen außerdem die Namen Richard und Frieda Leonhardy.
Nach der Schulzeit ging Leonhardy nach Berlin und begann dort ein Studium der Tiermedizin.
In dieser Zeit war er auch Mitglied der Burschenschaft Marcomannia. Sein Weg führte jedoch nicht in einen bürgerlichen Beruf, sondern in die Armee.
Beginn der Offizierslaufbahn
1899 trat Leonhardy als Freiwilliger beziehungsweise Fahnenjunker in das Pommersche Füsilier-Regiment Nr. 34 ein. In den Unterlagen wird außerdem eine einjährige Dienstzeit im Grenadier-Regiment König Friedrich der Große (3. Ostpreußisches) Nr. 4 in Rastenburg genannt.
Im Mai 1900 wurde er Fähnrich im Füsilier-Regiment 34 in Bromberg.
Am 14. November 1901 folgte die Beförderung zum Leutnant.
Am 16. November 1910 wurde er Oberleutnant.
Leonhardy blieb über längere Zeit beim Füsilier-Regiment 34.
Danach folgten weitere Verwendungen, unter anderem in Stargard und Swinemünde.
Am 18. Dezember 1913 wurde Leonhardy schließlich zum Infanterie-Regiment Nr. 138 nach Dieuze im Unterelsass versetzt.
Der Weg zur Fliegerei
Schon während seiner Dienstzeit als Offizier beschäftigte sich Leonhardy intensiv mit Luftfahrt und Fliegerei. Er las alles, was er über dieses damals noch junge Gebiet bekommen konnte, und suchte jede Gelegenheit, selbst Erfahrungen zu sammeln.
In den Erinnerungen wird geschildert, dass er Otto Lilienthal noch persönlich kennengelernt habe und von dessen Gleitversuchen stark beeindruckt gewesen sei.
Außerdem wird von einer Ballonfahrt in Wiesbaden im Jahr 1910 berichtet, die nach einem Riss in der Ballonhülle gefährlich verlief, aber glimpflich endete.
Im Frühjahr 1913 kam Leonhardy in Stettin enger mit Armeefliegern in Berührung und flog dort auch erstmals in einem Flugzeug mit. Damit war für ihn klar, wohin er wollte. Er meldete sich immer wieder zur Ausbildung.
Ausbildung in Johannisthal
Am 1. Februar 1914 wurde Leonhardy schließlich zur Pilotenausbildung bei der Luftverkehrsgesellschaft in Johannisthal bei Berlin kommandiert.
Er war zu diesem Zeitpunkt bereits 34 Jahre alt.
Sein Fluglehrer war der bekannte Pilot Gerhard Sedlmayr. In den überlieferten Schilderungen erscheint Sedlmayr als harter, aber guter Lehrer. Leonhardy machte rasch Fortschritte und flog schon nach wenigen Tagen selbständig.
Der Absturz vom 10. Februar 1914
Nur kurze Zeit nach Beginn der Ausbildung kam es zu dem Ereignis, das sein weiteres Leben bestimmte.
Am 10. Februar 1914 flog Leonhardy mit Gerhard Sedlmayr in einem LVG-Doppeldecker. Gleichzeitig war der Flugschüler Degener mit einer Etrich-Taube in der Luft. In geringer Höhe stießen beide Maschinen zusammen.
In zeitgenössischen Berichten ist von etwa 30 Metern, in Leonhardys eigener Schilderung von ungefähr 50 Metern Höhe die Rede.
Der Flugschüler Degener kam dabei ums Leben. Sedlmayr und Leonhardy wurden schwer verletzt.
Leonhardy schilderte seine Verletzungen später selbst sehr deutlich: gebrochenes Brustbein, Verletzungen der Wirbelsäule, schwere innere Verletzungen an Lunge und Leber, Schädelbasisbruch, Nasenbeinbruch, Gehirnerschütterung und eine schwere Knieverletzung. Der Absturz war so schwer, dass sein Überleben kaum zu erwarten war.
Auch in der damaligen Presse wurde ausführlich darüber berichtet. Dort ist von einem folgenschweren Zusammenstoß in den Lüften die Rede, bei dem beide Flugzeuge völlig zertrümmert wurden.
Monate der Heilung
Nach dem Absturz kam Leonhardy in das Augusta-Hospital in Berlin. Dort lag er vom 10. Februar bis zum 1. Mai 1914 im Streckverband. Anschließend wurde er weiter behandelt und kam im Juni 1914 in die Wilhelms-Heilanstalt in Wiesbaden, die in den Erinnerungen auch als „Knochenmühle“ bezeichnet wird.
Dort erlebte er den Kriegsausbruch 1914. In den Erinnerungen wird geschildert, wie er mit einem anderen Verwundeten im Rollstuhl im Kurhausgarten stand, als die Nachricht von der Kriegserklärung verlesen wurde.
Diese Zeit zeigt, wie hart ihn der Absturz getroffen hatte. Er war nicht nur verletzt, sondern auf lange Sicht körperlich schwer gezeichnet.
Rückkehr in den Dienst
Trotz allem kehrte Leonhardy in den Dienst zurück.
Während einer versuchsweisen Beurlaubung meldete er sich am 1. Mai 1915 beim Armeeflugpark der Südarmee in Munkacz als Adjutant. Dort flog er nach den Schilderungen bereits wieder, noch bevor er offiziell als Beobachter eingesetzt wurde.
Später kam er als Beobachter zur Feldflieger-Abteilung 59.
Dort flog er mit Leutnant Kohlhepp in Galizien Einsätze.
Gerade dieser Schritt zurück in den aktiven Dienst macht seine Laufbahn so ungewöhnlich. Nach den Verletzungen von 1914 war das alles andere als selbstverständlich.
Aufstieg in der Fliegertruppe
Am 13. August 1915 wurde Hauptmann Leo Leonhardy Abteilungsführer der A.O.R.-Abteilung der Deutschen Kronprinzen-Flieger-Abteilung 25
.Im weiteren Verlauf des Krieges folgten weitere Kommandos.
Der wichtigste Schritt war die Übernahme der Führung des Bombengeschwaders der Obersten Heeresleitung Nr. 6, kurz Bogohl 6.
„Der Eiserne Kommandeur“
Im Zusammenhang mit seiner Führung des Bombengeschwaders wurde Leonhardy als „Der Eiserne Kommandeur“ bezeichnet.
Der Name bezog sich nicht nur auf Disziplin oder Strenge. Er hing vor allem mit seiner körperlichen Verfassung zusammen. Leonhardy führte weiter, obwohl er durch die Folgen des Absturzes von 1914 schwer gezeichnet war.
In den biographischen Darstellungen ist davon die Rede, dass er zeitweise unter Lähmungserscheinungen oder starken körperlichen Einschränkungen litt.
Darin lag das Besondere seiner Person.
Der Pour le mérite
Ein Höhepunkt seiner militärischen Laufbahn war die Verleihung des Pour le mérite am 2. Oktober 1918.
Die Auszeichnung stand im Zusammenhang mit seiner Stellung als Führer des Bogohl 6 und mit seiner organisatorischen Leistung innerhalb der deutschen Bombenflieger.
Die letzten Kriegswochen
Vom 15. Oktober 1918 bis zum Kriegsende war Leonhardy außerdem Kommandeur der Geschwaderschule Paderborn.
Er war nicht nur im Fronteinsatz tätig, sondern ebenso in Ausbildung, Führung und Organisation.
Nach dem Krieg
Nach dem Krieg blieb Leonhardy in der Luftfahrt. Er wird nun als Major beziehungsweise Major a. D. geführt.
Wichtiger ist seine Tätigkeit in der zivilen Luftfahrt. Leonhardy übernahm Aufgaben in der zivilen Flugausbildung und wurde 1924 Leiter der Deutschen Verkehrsfliegerschule in Berlin-Staaken.
Später leitete er die vereinigten Fliegerschulen der Deutschen Luftfahrt GmbH in Staaken, Würzburg und Böblingen.
Buchveröffentlichung
1926 veröffentlichte Leonhardy das Buch „Mit der deutschen Luftfahrt durch dick und dünn“ im Verlag Guido Hackebeil, Berlin.
Tod
Leo Leonhardy starb am 12. Juli 1928 in Berlin. Sein Tod wird mit den Spätfolgen des Absturzes von 1914 in Verbindung gebracht.
Beigesetzt wurde er auf dem Invalidenfriedhof in Berlin.
0 Kommentare