Theater hinter Stacheldraht – Kriegsgefangene in Ägypten und ihre „Lagerbühne“

Das Kriegsgefangenenlager 3014 in Ägypten wurde nach dem Krieg für viele Soldaten von europäischen Kriegsschauplätzen und Angehörige des Afrika-Korps zur unfreiwilligen Heimat. Ein Teil von ihnen hatte bereits im Mai 1943 in Tunesien kapituliert, als die Heeresgruppe Afrika die Waffen niederlegte. Andere gerieten später in Gefangenschaft. Gemeinsam war ihnen ein Leben in der ägyptischen Kanalzone – geprägt von jahrelanger Ungewissheit, Hitze, Sand, Distanz zur Familie, Einsamkeit und Fremdbestimmung.

Dieser Männer waren zuvor als anerkannte und gefeierte Helden in den Kampf gezogen. In Ägypten standen sie dann mit leeren Händen da – ohne Waffen, ohne Aufgaben, ohne Zukunft. Aus gefeierten Soldaten wurden Gefangene, die plötzlich mit Einsamkeit, Ohnmacht und dem Verlust ihrer gewohnten Rolle zurechtkommen mussten.

Die Gefangenen nutzten die wenigen Freiräume, die ihnen blieben. Die Briten gestatteten solche Aktivitäten – nicht immer ganz uneigennützig –, doch die Initiative kam von den Deutschen selbst. So entstanden Weiterbildungen, Schulen, handwerkliche Kurse und kulturelle Gruppen. In Camp 3014 formierte sich eine Theatergruppe, die 1947 unter anderem das Stück „Alibi“ auf die Bühne brachte.

Da keine Frauen im Lager waren, übernahmen Männer auch diese Rollen – mit improvisierten Kleidern, Perücken und viel Einfallsreichtum. Es war mehr als eine praktische Notlösung. Es spiegelte die Abwesenheit weiblicher Präsenz wider, eine Lücke, die jeder spürte. Auf der Bühne durfte sie sichtbar werden, während sie abseits davon meist ungesagt blieb. Hinter den Kostümen standen Männer, die seit Jahren ohne Nähe und Zuwendung auskommen mussten. Für sie war die Verwandlung ein Ersatz, ein Ventil und Ausdruck der Sehnsucht nach Miteinander, Zuneigung und Wärme zwischen Menschen, unabhängig vom Geschlecht.

Diese Realität gab es, solange es Menschen gibt – auch wenn sie von Ideologen immer wieder verurteilt oder tabuisiert wurde. Nach der Heimkehr sprach kaum jemand darüber. Es blieb ein Tabu, und die Männer fügten sich wieder in ihr altes Leben, gingen zurück in ihre Familien – als wäre es nie geschehen.

Die Fotos aus Camp 3014 zeigen die eigens errichtete Bühne, das Ensemble in Kostümen und das Publikum. Hinter der leichten Fassade steckte ein ernster Kern: Ablenkung vom Alltag, ein Stück Normalität und die Möglichkeit, trotz Gefangenschaft für kurze Zeit selbst gestalten zu können. Ebenso wichtig war die Vorbereitung, die Struktur gab und Gemeinschaft förderte.

Sie erinnern daran, dass viele dieser Männer bereits seit 1943 in Gefangenschaft waren und noch Jahre nach Kriegsende in Ägypten festsaßen – und dass sie trotz aller Entbehrungen versuchten, Hoffnung und Menschlichkeit zu bewahren.